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PD Dr. med. Rainer Freynhagen, Klinik für Anästhesiologie an der Universitätsklinik Düsseldorf.

PD-Q – Screening Bogen zur Diagnose neuropathischer Schmerzkomponenten

Jeder fünfte Europäer leidet unter chronischen Schmerzen – zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Studie „Pain in Europe Survey“. Doch Schmerz ist nicht gleich Schmerz, wie die besonders schweren Krankheitsverläufe von Patienten mit neuropathischer Schmerzkomponente zeigen. Neue Wege in Diagnostik und Therapie, wie sie auf dem deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie vorgestellt wurden, könnten in Zukunft eine effizientere Behandlung ermöglichen.

Behandelnde Ärzte klassifizieren Schmerzen oft noch klassisch nach Form und Ausprägung der vorliegenden Dysfunktionen. „Doch nicht die Dysfunktionen, sondern die dem Schmerz zugrunde liegenden pathophysiologischen Mechanismen sind entscheidend“, erklärt Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Thomas R. Tölle, Leiter der Schmerzambulanz an der Neurologischen Klinik der Technischen Universität München. Die Schmerzen lassen sich nach Aussage des Neurologen und Psychologen auf nozizeptive- und neuropathische Mechanismen zurückführen. „Neuropathischer Schmerz, verursacht durch Läsionen oder Dysfunktionen von peripheren Nerven oder zentralen Nervenbahnen, hat einen schwerwiegenden Verlauf: Auf Basis inflammatorischer Prozesse kommt es zu physiologischen Veränderungen, die zu einer hyper-sensibilisierten peripheren, spinalen und supraspinalen Signalverarbeitung führen. Patienten mit neuropathischen Schmerzen bedürfen einer speziellen und intensiveren Behandlung.“

„Wir müssen möglichst frühzeitig in diese inflammatorischen Prozesse eingreifen, um ein Nozizeptor-Sprouting und die Chronifizierung des Schmerzes zu verhindern. Aber schon allein die exakte Diagnosestellung ist schwierig und aufwendig, da wir nicht die Symptome, sondern den Nervenschaden feststellen müssen“, fährt Prof. Dr. med. Hans-Raimund Casser, Ärztlicher Direktor des DRK Schmerz-Zentrums Mainz, fort. In Mainz wird neuropathischer Schmerz derzeit mittels ausführlicher körperlicher Untersuchung, Laborproben, Elektrodiagnostik, Bildgebung, Biopsien und Quantitativ Sensorischer Testung (QST) dokumentiert.

„Uns fehlte bislang eine Möglichkeit neuropathischen Schmerz frühzeitig im groß angelegten Stil zu diagnostizieren“, ergänzt PD Dr. med. Rainer Freynhagen. Im Rahmen des pain-DETECT-Projekts untersuchte der Schmerztherapeut und wissenschaftliche Mitarbeiter der Klinik für Anästhesiologie an der Universitätsklinik Düsseldorf mit seinem Team insgesamt 47.000 Patienten. „Wir entdeckten, dass neuropathische Schmerzpatienten über längere und heftigere Schmerzepisoden mit relevanten Funktionseinbußen klagen. Außerdem leiden sie charakteristisch an besonders ausgeprägten Komobiditäten, wie Schlafbeeinträchtigung, Panik- und Angststörungen oder behandlungspflichtigen Depression.“ Die Mediziner entwarfen anhand der gesammelten Daten den painDETECT-Fragebogen (PD-Q) – einen Fragenkatalog, der von Patienten und behandelnden Ärzten innerhalb weniger Minuten ausgefüllt werden kann. „Der painDETECT-Fragebogen ersetzt in keinem Fall die regulären diagnostischen Maßnahmen. Aber er ist ein wichtiges Hilfsmittel, da der ermittelte Score eine hohe Aussagekraft über das Vorliegen neuropathischer Schmerzkomponenten besitzt“, erklärt Freynhagen, der für seine Forschungsergebnisse mit dem 1. Förderpreis für Schmerzforschung 2007 ausgezeichnet wurde.

Somit kann der Fragebogen, der mittlerweile in vierzehn Sprachen verfügbar ist, als Wegbereiter für eine frühzeitige, angepasste medikamentöse Therapie dienen. Gute Behandlungsergebnisse werden derzeit mit dem Wirkstoff Pregabalin (LYRICA®, Pfizer) erzielt. Pregabalin, seit September 2006 für die Behandlung zentraler neuropathischer Schmerzen zugelassen, moduliert den Calcium-Einstrom in die Nervenzelle und führt zu einer reduzierten Freisetzung exzitatorischer Transmitter. Er mildert nicht nur den Schmerzverlauf und die Schmerzintensität, sondern lindert auch psychische und somatische Symptome wie Schlaf- und Angststörungen. „Ich gebe zu, dass wir noch nicht alle Pathomechanismen kennen. Aber wir kommen der Sache mit unseren Maßnahmen schon sehr nah und haben erhebliche therapeutische Gewinne erzielt“, schließt Prof. Tölle ab.

This article was published on 11/26/2007

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